Donnerstag, Februar 23, 2012
   
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Einführung automatisierter Suche nach plagiatsverdächtigen Textstellen in studentischen Arbeiten

Der AStA steht der Nutzung von Plagiatserkennungssoftware kritisch gegenüber und hat unten stehendes Positions"papier" erarbeitet.

Es gibt auch eine interessante Diskussion dazu im Stufo. Dort haben Studierende nachgedacht und nachgefragt.

Hörenswert ist die Ausgabe 13 des Podcasts "Alternativlos". Constanze Kurz erzählt als Dozentin der Humboldt-Universität zu Berlin von ihren Erfahrungen mit Plagiaten.

Ebenfalls aufschlussreich ist dieser Blogartikel des Wissenschaftlers Anatol Stefanowitsch.

Auch auf Wikipedia findet sich ein kleiner, lesenswerter Abschnitt.

Nebenbei sind Teile der Debatte über den Schultrojaner interessant, doch das sei nur für den größeren Zusammenhang erwähnt.

(Weitere Hinweise können gern an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. geschickt werden.)

 

 

Der AStA lehnt eine automatisierte Prüfung studentischer Arbeiten auf Plagiate ab. Diese Art der Suche nach Plagiaten schadet Wissenschaft und Bildungsstandards, wie im Folgenden ausgeführt wird.
 

  • Fairness. Es ist unfair für die große Menge nicht plagiierender Studierender, wenn sie durch flächendeckende oder auch stichprobenartige automatisierte Prüfung ihrer Arbeiten unter einen generellen Plagiatsverdacht gestellt werden. Eine Umkehrung der Unschuldsvermutung ist nicht hinnehmbar.
     
  • Wirksamkeit. Es gibt bislang keinen Nachweis dafür, dass mit Einführung automatisierter Plagiatssuche die Anzahl und/oder Schwere der Plagiatsfälle sinkt. Dieser Nachweis wird auch nie erbracht werden können. Zahlen bislang erkannter Plagiatsfälle mit und ohne automatisierte(r) Prüfung sind nicht aussagekräftig, denn über die Dunkelziffer wird man nie etwas erfahren. Somit ist der einzige sinnvolle Ansatzpunkt das Schaffen eines universitären Klimas, welches das Erstellen von Plagiaten abwegig macht. Die Einführung einer automatisierten Plagiatssuche hingegen fordert geradezu Nachlässigkeit bei der menschlichen Durchsicht der Arbeiten heraus.
  • Datensicherheit und Verhältnismäßigkeit. Zentrale elektronische Datensammlungen bergen grundsätzlich die Gefahr von unerwarteten Datenaggregationen, -manipulationen und -verwertungen, zumal studentische Werke personenbezogene (Name, Matrikelnr.) und personenbeziehbare (Lehrveranstaltung, Schreibstil, inhaltliche Bezüge) Daten enthalten. Auch aus diesem Grund ist eine zentrale Speicherung, und sei sie noch so kurz, von in elektronischer Form abgegebenen studentischen Werken nicht wünschenswert, ob nun an der Universität Hildesheim oder bei Dritten. Eine solche Speicherung könnte leicht Begehrlichkeiten wecken und stünde in keinem Verhältnis zu dem erklärten Ziel, die Anzahl von Plagiaten zu verringern.
     
  • Gewöhnung an Überwachung mit technischen Mitteln. Seit rund einem Jahrzehnt ist in verschiedensten Bereichen ein schleichender, aber deutlicher Ausbau von technischen Maßnahmen zu beobachten, die zur Überwachung und Kontrolle von Menschen eingesetzt werden können. Diese Entwicklung macht leider auch vor Universitäten nicht Halt (Videoüberwachung, RFID-Chips, zentrale Datenbanken usw.). Menschen werden nach und nach daran gewöhnt, sich beobachtet zu fühlen und so an freiem Denken und Handeln gehindert. Angst wird zum Hauptmotivator. Flächendeckende Kontrollen durch automatisierte Plagiatsprüfung wären ein weiterer Baustein dieser Entwicklung, die der ursprünglichen Idee einer Universität zuwiderläuft.
  • Umgang miteinander. Statt eine Software Menschen wie auch immer motivierter Plagiate zu verdächtigen und zu überführen, muss wieder mehr miteinander geredet werden – nicht nur nach dem Erkennen eines Plagiats, sondern auch schon lange davor. Mit guter Betreuung von Studierenden und ihren Werken werden Plagiatsfälle von selbst selten.
     
  • Urheberrechte. Es darf nicht zur Bedingung für ein Studium gemacht werden, dass Inhaber(innen) von Verwertungsrechten (und somit auch Verfasser(innen) von Seminararbeiten etc.) ihre Werke elektronisch abgeben und einer automatisierten Prüfung unterwerfen lassen.
     
  • Zeitaufwand. Wenn automatisierte Plagiatssuche mit dem nötigen Bedacht genutzt wird, entsteht keine signifikante Zeitersparnis bei der Korrektur von Arbeiten. Es ist zudem höchst zweifelhaft, dass ohnehin überlastete Korrigierende eventuell durch die Automatisierung gesparte Zeit in Lehre und Betreuung der Studierenden investieren (können). Unser aktuelles Universitätssystem tendiert dazu, freiwerdende Kapazitäten nicht etwa zur Entfaltung und Entspannung in jedem Sinne zu nutzen, sondern diese Kapazitäten alsbald durch das Verteilen neuer Aufgaben zu eliminieren. Eine „Personaleinsparung“ durch automatisierte Plagiatssuche würde in eine geistige Einsparung auf allen Seiten münden.
     
  • Bedienung. Nicht nur werden bei automatisierter Plagiatssuche die Werke der Studierenden zum bloßen Datenfutter, das – sofern angepasst an die technischen Möglichkeiten der Software - beliebig manipuliert werden kann (z. B. durch Plagiatsformen, welche die Software erfahrungsgemäß nicht findet). Auch entsteht auf Seiten der Korrigierenden eine verzerrte Wahrnehmung: Von der Software markierte Textstellen suggerieren Probleme. Findet die Software nichts, ist die Versuchung groß, die sachverständige Durchsicht der Arbeit zu vernachlässigen. Es liegt nahe, dass gerade überlastete Korrigierende die Software „arbeiten lassen“ wollen statt sie nur als ergänzendes Werkzeug, d. h. als spezialisierte Suchmaschine, bewusst einzusetzen. Dementsprechend darf die Lösung nur sein, mehr Personal, mehr Fachwissen und mehr gesunden Menschenverstand bei der Korrektur walten zu lassen und keine intransparente Software.
     
  • Symptombehandlung. Das Auftreten von Plagiaten ist ein Symptom eines kranken Bildungs- und Wissenschaftssystem. Es bedeutet für nichts und niemanden einen Fortschritt, dieses Symptom mit technischen Maßnahmen behandeln zu wollen. Was stattdessen wirklich benötigt wird, ist ein Bildungs- und Wissenschaftsssystem, in dem Menschen Arbeiten verfassen, weil es sie und andere weiterbringt. In einer Atmosphäre, in der jeder Mensch stolz auf seine Werke sein kann und sie nicht nur schreibt, um ECTS-Punkte zu sammeln, ist der Anreiz zum Plagiieren minimal. Die Entwicklung hin zu einer solchen Atmosphäre wird durch die Einführung einer automatisierten Plagiatsprüfung verhindert.
     


Der AStA meint: Es darf keine Pflicht zur Abgabe von studentischen Werken in elektronischer Form in Prüfungsordnungen, insbesondere in der Rahmenprüfungsordnung, geben. Studentische Werke dürfen nicht zentral gespeichert und verwertet werden. Sie dürfen nicht an Dritte weitergegeben werden. Software zur automatisierten Plagiatsprüfung, insbesondere, wenn Letztere flächendeckend oder stichprobenartig erfolgen soll (d. h. nicht auf Grundlage eines konkreten Verdachts), darf nicht zum Einsatz kommen.

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